Hartzkritik

Schwindende Solidarität: Die Angst ist Schuld!

Pünktlich zur Adventszeit schlägt die Öffentlichkeit nachdenkliche Töne an.  Die nun veröffentlichte Langzeit-Studie “Deutsche Zustände”, die seit 2002 von einem Kreis von Wissenschaftlern um den Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer herausgegeben wird, hat mit der Adventszeit wenig zu tun.

Das größte Manko dieser Studie ist, dass die Ergebnisse  nicht eingeordnet oder folgerichtig bewerten werden.  Und so kommt es, wie es kommen muss, die Einordnung der Studie erfolgt prompt durch die Medien. Dabei kommen die unterschiedlichsten Ergebnisse heraus.

So schreibt die taz mit der Überschrift “Die Angst vor dem Absturz wächst” unter anderem:

Trotz der Wirtschaftskrise haben die Ressentiments in der Gesellschaft gegen Frauen, Muslime, Obdachlose, Behinderte, Langzeitarbeitslose, Nichtweiße und “Ausländer” im vergangenen Jahr nicht zugenommen, zum Teil sogar abgenommen. Aber es gibt zwei Ausnahmen: Vorurteile gegen Homosexuelle und gegen Juden sind etwas häufiger geworden.

Wesentlich pessimistischer fällt dagegen das Urteil der Süddeutschen zur Studie aus:

Der aktuelle Jahresbericht, den das Forscherteam an diesem Freitag in Berlin präsentiert, kommt zu einem alarmierenden Befund: Unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise bröselt der gesellschaftliche Zusammenhalt, werden zentrale Normen wie Solidarität, Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit von Menschen in Frage gestellt. So glauben fast 65 Prozent derjenigen Befragten, die sich von der aktuellen Krise selbst betroffen fühlen, dass in Deutschland zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden müssen.

Heitmeyer selbst kommt auf Grund der Untersuchung in einem Interview zu dem Schluss, dass ca. 92 % der Bürger der Ansicht sind, dass soziale Abstiege immer häufiger werden. “Es sind vor allem Ängste, die sich bei den Menschen breitmachen. Ängste im Hinblick auf den Lebensstandard, aber auch Ängste vor sozialer Desintegration”, konkretisiert der Soziologe. Diese Angst werde verstärkt durch “eine weitverbreitete, politische Apathie bei Menschen, in den unteren und mittleren Segmenten der Gesellschaft.

Die taz stützt Heitmeyers Aussagen mit Zahlen:

Knapp die Hälfte der Bundesbürger empfindet sich als von der Wirtschaftskrise bedroht, so die Studie. Persönlich betroffen fühlen sich fast 40 Prozent. Drei von vier Menschen in Deutschland sehen Fehler im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Dass Banker und Spekulanten schuld an der Krise sind, glauben fast 90 Prozent der Befragten. 80 Prozent waren der Ansicht, dass “Leute wie ich” für die Fehler der Wirtschaft und Politik geradestehen – und letztlich die Wirtschaftskrise ausbaden müssten.

Wenn man ganz ehrlich ist, muss man feststellen, dass es vieles in Studie Belegtes schon vor der Krise gegeben hat.  Schließlich verzichten die deutschen Arbeitnehmer en masse seit Beginn der rot-grünen Koalition unter Schröder auf über Jahrzehnte erkämpfte Dinge und vorallem Lohn.

Geschürt wird die Entsolidarisierung der Gesellschaft und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten in der Hauptsache von Politikern, die sich der Mainstreampresse bedienen, um ihre Diffarmierungskampagnen gerade gegen Langzeitarbeitslose zu fahren. Gleichzeitig wird immer wieder Vollbeschäftigung propagiert, während gerade jetzt in der Krise Arbeitsplätze noch mehr wegfallen, die nach der Krise in der Masse nicht wiederkommen.

Lieber stößt da der Deutsche Michel, eben durch seine Angst, ins Horn der Politiker, deren liebste Beschäftigung das setzen von Arbeitsanreizen ist, die sich als Schikanen und Gängeleien in den ARGEn auf die von Hartz IV Betroffenen niederschlagen und einzig und allein der Einschüchterung dient. Ein Lieblingsspruch: Die sollen sich gefälligst Arbeit suchen, während Trolle bescheinigen, dass man mit Hartz IV prima leben könne. Doch die belegte Angst der sogenannten bürgerlichen Mitte vor dem sozialen Abstieg widerlegt solche Trollaussagen prima!

Besonders Langzeitarbeitslose flüchten sich in Apathie und Resignation. Es breitet sich, so die Studie, eine “hoffnungslose Unzufriedenheit” aus. Für die Politik scheint das zunächst bequem zu sein: keine brennenden Vorstädte oder besetzten Fabriken wie anderswo. Eigentlich müssten die jährlichen Berichte des Heitmeyer-Teams die Politiker elektrisieren. Doch davon spürt Heitmeyer wenig. Ex-Innenminister Otto Schily habe  wenigstens “öfter nachfragen lassen”, sagt Heitmeyer. “Von Seiten der CDU gab es wenig Interesse.”

 

Geschrieben am Donnerstag, 10. Dezember 2009
Abgelegt unter Aktuelles.
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