Hartzkritik

Die Mär von der sozialen Hängematte

Jeder, der sich näher mit der Materie Hartz IV beschäftigt oder sogar beschäftigen muss, weil er selbst betroffen ist, wird wissen, dass Hartz IV nichts mit der sozialen Hängematte zu tun hat, die man von diversen Diffamierungskampagnen kennt.

Schlimmer ist es noch, wenn es sogar aus Politikermündern schallt und sogar von staatlich bezahlter Faulheit die Rede ist. Dabei gibt es Studien, die das Märchen von der sozialen Hängematte widerlegen und einige ihrer felsenfesten Überzeugung berauben.

Schon 2002 hat der Soziologie-Professor Georg Vobrubavon der Uni Leipzig in einer Studie belegt, dass die durchschnittliche Bezugsdauer von Sozialhilfe einer Fehleinschätzung unterliegt. Möglich gemacht wurde dies durch ausführliche statistische Zahlen aus dem sog. sozioökonomischen Panel, die seit 1984 verfügbar sind.
Die Studie hat ergeben, daß die überwiegende Anzahl der Sozialhilfeepisoden (Verweildauer in Sozialhilfe) ziemlich kurz ist. Und das obwohl in vielen Fällen der Abstand zwischen Lohn und Lohnersatzleistung nicht gerade groß ist.

Natürlich, die Studie ist von 2002 und heute sicherlich nicht mehr relevant, doch damit verkommt die entsprechende Rechtfertigung für das Fordern im “Fördern und Fordern” des Sozialgesetzbuches II (ALG2, Hartz IV) erst recht zum Märchen!

Wer nun glaubt, daß diese Debatten über “faule Arbeitslose” in Volkes Meinung ihren Anfang finden, der irrt auch hier wieder. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) konnte nachweisen, daß Faulheitsdebatten von politischer Seite ausgelöst werden – und zwar in Zusammenhang mit bevorstehenden Wahlen.

Erinnern wir uns doch an Ex-Kanzler Schröder, der mit der markigen Äußerung “Es gibt kein Recht auf Faulheit” die Wähler zielgerichtet beeinflusste. Das WZB zeigte in seiner Studie dafür noch andere, weiter zurückliegende Beispiele auf:

Im Sommer 1975 – eineinhalb Jahre vor der Bundestagswahl und in einer Zeit der Massenarbeitslosigkeit – war es der sozialdemokratische Bundesarbeitsminister Walter Arendt, der die erste Faulheits-Debatte mit dem Stichwort “Wildwüchse beschneiden” eröffnete. Er wurde dafür von der CDU/CSU heftig angefeindet. Die Unionsparteien warfen ihm vor, er diffamiere Arbeitslose als Drückeberger. Sechs Jahre später war es der Bundestagsabgeordneten Erich Riedl (CDU/CSU), der davon sprach, das soziale Netz sei für viele “eine Sänfte” geworden. Auch Helmut Kohl befand sich 1993 als Kanzler der Einheit im Vorwahlkampf zur Bundestagswahl 1994, als er, weil das Wirtschaftswunder im Osten ausblieb und es auch im Westen zu Massenentlassungen kam, den Spruch “Wir können die Zukunft nicht dadurch sichern, dass wir unser Land als einen kollektiven Freizeitpark organisieren” nicht verkneifen.

Die Berliner Forscher kristallisieren folgendes Muster für die Faulheitsdebatten heraus: Sie entstehen immer in Zeiten hoher oder politisch bedrohlicher Arbeitslosigkeit und eben meist ein bis anderthalb Jahre vor Wahlen. Zu allen Faulheitsdebatten-Phasen stimmte in Meinungsumfragen ein hoher Prozentsatz der Bürger der Aussage zu, viele Arbeitslose wollten gar nicht arbeiten und folgten blind den Aussagen der Politiker, die dann 2002 durch den Soziologie-Professor Vobrubavo belegt worden ist.

Und mal ehrlich, wenn man wirklich im Teufelskreis Hartz IV steckt, haben viel zu viele den meisten Stress nicht durch eine intensive Arbeitsplatzsuche, sondern vielmehr durch die immer wiederkehrenden Schikanen der ARGEn und Jobcenter, die die Betroffenen eher von der intensiven Arbeitsplatzsuche abhalten.

Schießlich muss die heute doch höhere Verweildauer in Hartz IV auch dem Umstand zugerechnet werden, dass der Arbeitsmarkt heute nicht mehr soviel freie Stellen hergibt. Dabei tun die Diffamierungskampagnen der Politiker ihr Übriges dazu, weil viele Arbeitgeber viele Bewerber deshalb ablehnen, weil sie ALG II beziehen.

Im Übrigen stecken so viele Fachkräfte mittlerweile in Hartz IV, dass es eigentlich keinen Fachkräftemangel geben dürfte. Lieber wird für wesentlich mehr Geld versucht, ausländische Fachkräfte hier zu integrieren, als für weniger Geld die arbeitslosen Fachkräfte ordentlich geschult auf den neuesten Stand zu bringen. Da aber ausländische Arbeitskräfte meist billiger sind, schüren Politiker lieber die Debatte über die soziale Hängematte.

 

Geschrieben am Freitag, 11. Dezember 2009
Abgelegt unter Aktuelles.
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2 Kommentar to “Die Mär von der sozialen Hängematte”

  1. Der Originalbeitrag findet man übrigens hier: http://www.soziale-haengematte.malzminden.de/ … Wäre eigentlich ganz sinnvoll, statt eines leicht veränderten Textes das Original zu nehmen; dafür steht ja schließlich unter CC.

    Ein Twitter zu dem Thema: http://twitter.com/SozHaengematte

    Anmerkung des Admin: Letzendlich mag der Orginaltext einige Anregung gegeben haben, doch es fand darüber hinaus die Recherche zu den Studien statt und wurde daher nicht einfach übernommen. Zudem sind in diesem Text noch Anmerkungen, die in dem Text, auf den hier hingewiesen wird, nicht vorkommen. In so fern sei es gestattet, Informationen durch andere Texte in eigenen Texten zu verarbeiten.

  2. Naja Anregungen, aufmerksam geworden bin ich im oberen Teil, wo eine komplette Passage inklusive Formulierung fast exakt übernommen worden ist – allerdings wie gesagt, der Kommentar steht ausdrücklich unter Creative Commons.

    Daß der Blogbeitrag im unteren Teil andere Inhalte enthält war mir beim Überfliegen in der Tat entgangen …
    Nichtsdestotrotz finde ich es ein Gebot der Fairness, Quellen anzugeben. Persönlich mache ich das zur Sicherheit in aller Regel mit einer Verlinkung.