Hartzkritik

Reallohnverlust seit 1990 bei 50 Prozent

Der “Stern” ist es, der das bestätigt, was viele Arbeitnehmer seit Jahren schmerzhaft  in ihren Geldbörsen zu spüren bekommen: Reallohnverlust! Der rot-grüne Kanzler Schröder war es, der die deutschen Beschäftigten aufforderte, die Gürtel enger zu schnallen.

Schröder forderte deswegen die Arbeitnehmer dazu auf, damit sie ihre Arbeitsplätze in einer konjunkturell schwachen Wirtschaftsphase sichern sollten. Land auf, Land ab verzichteten die Angestellte und Arbeiter auf  Urlaubs- und Weihnachtsgeld und es gab Nullrunden, wenn Lohnerhöhungen anstanden und so manche Überstunde wurde nicht mehr bezahlt. Doch nachdem die schwache Konjukturlage augestanden war, wurden die Verluste kaum ausgeglichen.

Der Stern hatte das Hamburger Institut Statista beauftragt, einen umfassenden Einkommensvergleich zu erstellen. Zusätzlich habe das Statista-Institut die Untersuchungen der Hans-Böckler-Stiftung zur Entwicklung der Tarifverträge und Daten des Statistischen Bundesamtes zur Einkommensentwicklung herangezogen und auch Umfragedaten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Angaben des Statistischen Bundesamts verwendet. 100 der gängisten Berufe wurden dabei berücksichtigt. In dem Report wurde erstmals die Inflation mit berücksichtigt, die im Vergleichszeitraum insgesamt 47 Prozent betrug. Man hat  die Jahre 1990 mit 2008 verglichen und herausgekommen ist, dass in jedem zweiten Beruf unterm Strich weniger verdient wird, teilweise bis 50 Prozent weniger!

Wie sollte es anders sein? Neben Grafikern, Marketingfachleuten, Beamten, Angestellten im öffentlichen Dienst und Maklern gehören die Bänker und Anlageberater zu den Gewinnern. Mit Blick auf die Hierarchie in den Betrieben zeigte sich, dass vor allem Angestellte mit Führungsaufgaben ihr Einkommen verbessert hätten: inflationsbereinigt um 18 Prozent.  Während Ärzte, Informatiker, Werbefachleute oder Zahntechniker hohe Einbußen verkraften mussten, konnten ältere Beschäftigte, die über 50-Jährigen, die zuletzt im Schnitt brutto 3310 Euro im Monat verdienten, damit 500 Euro mehr einstreichen, als ihre jüngeren Kollegen.

Letzteres ist ein Grund, warum älteren Beschäftigte vor ihrer Rente gerne in Hartz IV abgeschoben werden, wenn ihr Alg I ausgelaufen ist. Viele sind dann – nach altem Dünkel – froh, überhaupt noch eine Beschätigung in Form einer Erwerbstätigkeit zu finden, nur um beschäftigt zu sein! Kaum noch ein älterer Arbeitnehmer bleibt bis zu seiner Rente, nach einer langjährigen Betriebszugehörigkeit in seinem Job. Die Diskussionen darüber, doch bitte die älteren Arbeitnehmer nicht zu früh aus ihren Beschäftigungsverhältnissen zu drängen, um jüngeren und damit billigeren Arbeitskräften Platz zumachen sind mittlerweile verstummt.

Berufsanfänger, die auf dem Ausbildungsmarkt keine Stelle finden, werden heute vielerorts in Jugendhilfeeinrichtungen durch die ARGEn und JobCenter in Berufsausbildungen gedrängt, mit denen sie sich kaum identifizieren können und gelten nach ihrer Ausbildung nur für kurze Zeit als bessere Hilfsarbeiter, denn schon nach etwas über einem Jahr aus dem Beruf in die Arbeitslosigkeit verbannt, gilt man heute höchstens als ungelernte Hilfskraft, was die Löhne wiederum schmälert und viele Berufsstarter frühzeitig resignieren lässt.

Auch bei den handwerklichen Fachleuten gab es kaum Lohnsteigerungen. Im Gegenteil, während 1990 ein Geselle im Handwerk rund 20 – 25 DM verdiente, kommen heute die Handwerksgesellen kaum über 12 – 15 Euro pro Stunde hinaus, wenn überhaupt!

Mittlerweile ist es an der Tagesordnung, dass nicht mehr alle Überstunden bezahlt werden oder wenigstens abgebummelt werden. Heute ist der Angestellte oder Arbeiter schnell aus dem Betrieb gemobbt, wenn er sich weigert, unbezahlte Überstunden zu leisten. vor 20 Jahren wurde der Mitarbeiter an Wert geleisteter Überstunden noch ordentlich beteiligt, während er heute froh ist, überhaupt noch ein Lob für die Mehrarbeit zu bekommen oder seinen Arbeitsplatz als einigermaßen sicher zu betrachten.

Während ein Ex-Kanzler Schröder vor 10 Jahren das Gürtelengerschnallen propagierte, hat man in den Konjukturaufschwüngen die Arbeiter und Angestellten vergessen. Natürlich gab es teilweise Lohnzuwächse, doch die blieben unter einem Reallohnverlust, weil ihnen einerseits gesagt wurde, sie würden sonst den Aufschwung kaputtmachen, andererseits wurde das Argument der Globalisierung in demagogisch boshafter Weise genutzt und mit Hartz IV wurde eine Lohndrückerei durch- und umgesetzt, die es bis dahin in Deutschland nicht gegeben hatte.

Die Produktivität ist entgegen dem Reallohnverlust enorm gestiegen. Während immer mehr Arbeitsplätze durch Verrentung, Altersteilzeit und Vertragsauflösungen mit Abfindungen abgebaut werden, wird tunlichst auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Der demografische Wandel, die Überalterung der Gesellschaft macht es möglich, verlorengegangene Arbeitsplätze für jüngere immer weniger bereitzuhalten oder, wenn überhaupt Stellen neu besetzt werden, sie wesentlich günstiger anzubieten.

Schöne neue Arbeitswelt, die den arbeitenden Menschen immer mehr Zeit nimmt, um sich der politisch gewollten Verhältnisse klar zu werden. Statt die weniger werdende Arbeit auf mehr Menschen mit einem entsprechenden Lohnausgleich zu verteilen, wird Arbeit mittlerweile so gering bezahlt, dass man auch hier bald chinesische Lohnverhältnisse hat. “Made in Germany” war vor 20 Jahren noch etwas wert und Fachleute bekamen ihrer guter Ausbildung wegen ene entsprechende Entlohnung. Heute gibt es nicht nur bei Akademikern verkürzte Studienzeiten, sondern man arbeitet daraufhin, Ausbildungszeiten zu verkürzen. Viele junge Leute können sich mit ihren Ausbildungsberufen häufig nicht mehr identifizieren, weil sie nehmen müssen, was kommt. Der schlechte Bildungszustand vieler Jugendlicher ist erschreckend. Dabei ist vielerorts festzustellen, dass zu viele deutschstämmige Jugendliche ihre Muttersprache nicht wirklich beherrschen.

All diese Probleme können von der Bevölkerung nicht gewollt sein. Die Beteiligung an Wahlen, ob auf Landes- oder Bundesebene nimmt ab. Viele Menschen begeben sich in ihr Schicksal und nehmen resignierend die Zustände in Kauf. Schrumpfende Löhne bedeuten auch sinkende Rente. Durch die Lohndrückerei und einem steigenden Niedriglohnbereich haben die Leute kaum noch eine Chance, sich zusätzlich für die Rentenzeit absichern. Früh genug, um den geburtenstarken Jahrgängen die Erarbeitung einer guten Rente zu versauen, werden arbeitslose 40- oder 45jährige in die Hartz IV-Falle geschickt. Früheres greifen in die Rentenkassen, um andere Bereiche abzudecken, haben die einstmals gutgefüllte Rentenkasse so schrumpfen lassen, dass der demografische Wandel nicht aufgefangen werden kann und dubiose Rentenreformen tun ihr Übriges dazu.

Durch die Zertifizierung des Lissabonner EU-Vertrages wurden die Mitgliedsländer legitimiert, Unruhen selbst mit militärischen Mitteln zu unterbinden. Die Frage ist, wie lange sich die Bevölkerung die allgemeinen Entwicklungen, gerade die Umverteilung von Arm zu Reich, noch gefallen lässt, wenn Arbeitsplätze zunehmend abgebaut und Krisen konstruiert werden, um eine gerechtere Lohnentwicklungen oder eine bessere soziale Absicherung auszubremsen?

 

Geschrieben am Donnerstag, 07. Januar 2010
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