Hartzkritik

IAB-Bericht: Von wegen faul!

Immer wieder wird die Diskussion um höhere Hartz IV-Regelsätze damit befeuert, dass Alg II-Bezieher häufig faul sind. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA) widerlegt in einem Kurzbericht, was vor allem die Medien und die Politiker seit der Einführung von Hartz IV immer wieder ins Feld führen: das Lied von der sozialen Hängematte!

 alt=Die “soziale” Hängematte – kaum einer liegt wirklich drin!

Besondere Brisanz erhält die Faulheitsdebatte dann, wenn die Arbeitswilligkeit der Alg II-Bezieher angezweifelt wird. Immer wieder wird die Faulheit von Alg-II-Beziehern, bzw. die allgemeine Faulheit als Totschlagargument genutzt, insbesondere dann, wenn es um die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens geht.

In der Sozialstaatsdebatte werden immer wieder unterschiedliche Bilder über die soziale Hängematte gezeichnet, wobei meist völlig außer Acht gelassen wird, dass viele Erwerbstätige ihr Einkommen mit Hartz IV aufstocken müssen. Fast 30 % der 15- bis 64jährigen Alg II-Bezieher muss ihren oftmals viel zu niedrigen Lohn aufstocken. 17,2 % davon gehen einer geringfügigen Beschäftigung nach.  Gut  10 Prozent der Leistungsbezieher üben eine Beschäftigung mit einem Zeitumfang von mindestens 20 Stunden pro Woche aus.

An Fördermaßnahmen, Kursen oder Programmen, die  durch  die Grundsicherungsträger vermittelt wurden, nehmen zum  Befragungszeitpunkt rund 10 Prozent der Leistungsbezieher teil: 4 Prozent lernen in Qualifizierungsmaßnahmen, darunter 1,3 Prozent mit dem Ziel einen Berufsabschluss zu erwerben. 4,9 Prozent arbeiten in  Beschäftigung schaffenden Maßnahmen, überwiegend in sogenannten „1-Euro-Jobs“.

Mit der Betreuung von Kindern unter 15 Jahren sind fast ein Drittel der Bezieher (28,8 %) beschäftigt. Dies wird deutlich häufiger von Frauen übernommen (46,0 % der Frauen gegenüber 10,4 % der Männer). Vor allem die intensive ganztägige Betreuung von Klein- und Vorschulkindern (bis 7 Jahre), die keine Betreuungseinrichtung besuchen und nicht von anderen Verwandten oder Tagesmüttern betreut werden, fällt überwiegend in den Aufgabenbereich der Frauen. Rund 20 Prozent der Frauen, aber nur 3,4 Prozent der Männer im Alg II-Bezug übernehmen in ihrem Haushalt überwiegend diese Aufgabe.

10,2 % und damit vor allem junge Alg-Bezieher befinden sich in einer Ausbildung oder gehen noch zur Schule. Knapp ein Fünftel der Leistungsempfänger nimmt ausschließlich eine familienbezogene  Aufgabe, wie Pflege,  Kindererziehung, ein Drittel ausschließlich eine  arbeitsmarktbezogene  und  weitere  13,8 Prozent  sowohl eine familienbezogene als auch eine arbeitsmarktbezogene Beschäfitgung wahr.

Im Ergebnis kommt man, laut dem Bericht des IAB, auf rund 65,5 % der Alg II-Bezieher, die einer Beschäftigung, wie Erwerbstätigkeit,  Ausbildung,  Fördermaßnahme, Kinderbetreuung oder Pflege nachgehen.

Zugrunde gelegt wurden die Zahlen aus dem März 2008. Damals befanden sich rund 7,11 Millionen Menschen im Alg II-Bezug. Davon waren rund 5,24 Millionen Menschen erwerbsfähig, also im Alter zwischen 15 und 64.

Im Fazit kommt das IAB zu dem Schluß, dass eine hohe Motivation und Bereitschaft zu arbeiten bei den Alg II-Beziehern besteht. Man dürfe diese Motivation nicht untergraben, in dem man eine noch härtere Gangart gegenüber von Hartz IV Betroffene einschlägt. Im Fazit des Berichts wird unter anderem angeregt, noch inidviduller auf die Betroffenen einzugehen. Hier würde dazugehören, die Arbeitslosen in ihren ausgebildeten Berufen weiterzubilden. Schließlich würde dies einem  viel beschworenen Fachkräftemangel entgegenwirken.

Anhand dieser Studie müssen sich auch die Arbeitgeber hinterfragen, warum viele von ihnen schnell bei der Hand sind, Bewerbungen von Hartz IV Betroffenen gleich vom Tisch zu wischen. Vielmehr verdeutlicht dieser IAB-Bericht einmal mehr, dass Bezieher von Alg II nicht weniger motiviert sind, als oft vorgezogene Bezieher von Alg I und dazu sind Alg II-Bezieher durch Weiterbildungsmaßnahmen bis jetzt eher auf dem neuesten Stand in ihrem erlernten Beruf.

Eine Rechtfertigung, einige wenige, wirklich faule Menschen als ständige Begründung für unzureichende Hartz IV-Regelsätze anzuführen, nimmt den Hartz IV-Befürwortern und Grundeinkommensgegnern ziemlichen Wind aus den Segeln.

->Der komplette IAB-Bericht als pdf-Datei!

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Geschrieben am Donnerstag, 26. August 2010
Abgelegt unter Aktuelles.
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