Hartzkritik

Von Hartz IV Betroffene als Pflegekräfte keine Lösung

In der BildamSonntag lies sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mal wieder über von Hartz IV Betroffene aus. In dem Inerview sagte sie zum Thema Fachkräftemangel und Fachkräfte aus dem Ausland: “Wir können es uns nicht leisten, dass ein Arzt oder Ingenieur aus dem Ausland hier keine seiner Qualifikation angemessene Stelle findet. Und nicht zuletzt haben wir 2,2 Millionen Hartz-IV-Empfänger, die arbeitsfähig sind, aber keinen Job finden. Ich sehe nicht ein, dass Pflegekräfte künftig nur noch aus Osteuropa kommen. Daran können wir etwas ändern.” Bei heute.de, dem Nachrichtenportal des ZDF, gaben Experten richtige Antworten zum Thema Pflegekräfte und Hartz IV.

 alt=Angela Merkel – ihre Kanzlerschaft lässt nicht nur sie alt aussehen!

So Antwortete Eberhard Jüttner, der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, bei heute.de: “Die Kanzlerin hat ein zentrales Zukunftsproblem richtig benannt.” Jetzt sei es Zeit, dass die Bundesregierung Worten Taten folgen lasse, denn man steuere auf einen Pflegenotstand zu und müsse dringend gegensteuern. “Der massive Fachkräftemangel in der Pflege kann aber nicht durch das Anlernen von Hartz-IV-Empfängern behoben werden. Was wir brauchen sind konkrete politische Initiativen, um den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten”, so Jüttner weiter.

Jüttner sieht ein großes Problem in der Abwanderung: “Jedes Jahr verlassen zig ausgebildete Pflegekräfte Deutschland, um in Skandinavien, Österreich oder der Schweiz zu arbeiten, was den Pflegenotstand in Deutschland verschärft.” Die Leute gingen, weil die Akzeptanz für ihre Beschäftigung in diesen Ländern schlicht viel höher und die Belastung wegen größerer Personalschlüssel nicht so gewaltig sei.

Das dringend eine reform der Pflegebranche notwendig ist, halten auch andere Experten für notwendig. “Die Belastung wird sich sowohl körperlich als auch psychisch verschärfen. Das wird sich zwangsläufig auf die Krankenstände und die Fluktuationsrate unter den Angestellten auswirken”, sagt der Direktor des Bremer Instituts für Public Health und Pflegeforschung, Stefan Görres, im Hinblick auf das Aussetzen der Wehrpflicht und der damit verbundene Wegfall von 90.000 Zivildienstleistenden. Schließlich wird die Nachfrage nach Pflegekräften künftig nicht nur wegen der Alterung der Gesellschaft steigen. “Wir haben ein Imageproblem in der Pflege”, sagte der Hochschulprofessor. “In einer Studie haben wir festgestellt, dass Pflegeberufe bei Jugendlichen absolut out sind.”

Jüttner bestätigt die Imageprobleme: Ein Grund der mangelnden Akzeptanz sei die Bezahlung: “Um in Deutschland mehr Menschen für diesen anspruchsvollen Beruf gewinnen zu können, braucht es eine attraktivere Vergütung und Arbeitsbedingungen, die mehr Zeit für den Menschen und damit auch mehr persönlichen Erfolg und Zufriedenheit ermöglichen.” Die Einführung eines Mindestlohnes sei wichtig gewesen, doch ist er hoch genug um Imageprobleme zu lösen?

Schon vor länger Zeit wurde das Dilemma in einer Maischberger-Sendung offensichtlich: Einem jungen Arbeitslosen mit klaren Vorstellungen zu seiner beruflichen Zukunft wurde in der Sendung von einer Hamburger ARGE-Vertreterin das Angebot unterbreitet, doch mal in die Altenpflege hineinzuschnuppern. Dies spiegelt den Wunsch der meisten ARGEn und JobCenter wider. Diese drängen die Arbeitslosen immer wieder als Altenpflegehelfer in EinEuroJobs bei den Pflegeverbänden, wie Diakonie, Caritas und Konsorten oder zu Maßnahmeträgern, wie z. B. der Mülheimer Paritätischen Initiative für Arbeit (PIA), die ebenfalls einen Altenpflegehilfsdienst unterhält und so vermutlich damit auch Geld verdient.

So sieht es im Grunde in der ganzen Bundesrepublik aus. Hinzu kommt, die von Bundeskanzlerin Merkel kolportierten 2,2 Millionen Hartz-IV-Empfänger, die arbeitsfähig sind, eignen sich nicht alle für die Altenpflegehilfe. So gibt es viele Menschen, die einen Horror davor haben, weil sie selber schlechte Erfahrungen mit Angehörigen in Altenheimen sammeln mussten. Arbeitsfähig sein, heißt allerdings nicht immer, auch für körperlich anstrengende Arbeit eingesetzt werden zu können. So haben viele Arbeitslose körperliche Einschränkungen und können deswegen lediglich in Jobs eingesetzt werden, die keine körperlich anstrengenden Arbeiten bedingen. So geht Merkels Ansinnen eher nach hinten los, Arbeitslose vornehmlich in der Pflegebranche einsetzen zu wollen.

Doch Merkels Intensionen betreffen nicht nur die Pflegebranche. Viele deutsche Fachleute sitzen nach wie vor in der Hartz IV-Falle, weil insbesondere die Politik mit Hilfe der Medien ein solches Negativimage der von Hartz IV Betroffenen aufgebaut hat, dass alleine durch den Hartz IV-Bezug Fachkräfte keine Chance auf einen adäquaten Job gemäß ihrer Ausbildung haben. So gibt es mitlerweile reichlich Ingenieure, Rechtsanwälte und auch Ärzte im Hartz IV-Bezug, die sich im Topf der Arbeitslosen mit gut ausgebildeten Handwerkern und anderen Fachleuten befinden.

Es bleibt also, zur Zeit jedenfalls, eine Mär, dass es einen allgemeinen Fachkräftemangel gibt, solange man nicht den Pool der Arbeitslosen von Hartz IV Betroffenen ausschöpft. Nach ausländischen Fachkräften zu rufen, bedeuten in erster Linie, dass die Arbeitgeber Lohnforderungen nicht erfüllen wollen.

 

Geschrieben am Sonntag, 05. September 2010
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